BUNTPAPIER, DOMINOTE UND TAPETE

Aktualisiert: 22. Aug.

Der Weg vom Einblattdruck zum Domino, vom Buntpapier zur Tapetenkunst


Fragment eines handkolorierten Holzmodeldruckes aus dem 18. Jahrhundert


Ornamentik und Musterkultur

Unsere Welt ist nicht schwarz-weiß und auch nicht kleinkariert. Sie ist vielfältig, bunt, farbenprächtig und voller Muster und Ornamente. Das war sie schon vor dem Homo sapiens. Tiere ebenso wie Pflanzen nutzen Farben und Formen, um sich zu tarnen, Angst einzuflößen oder einen Vorteil bei der Reproduktion zu haben.


Die atemberaubende Farben- und Formenvielfalt der Natur sticht dem Menschen seit jeher ins Auge, sie berührt ihn und inspiriert seine symbolisch-materielle Kultur.

Farbpracht und Formenvielfalt, beides ist uns heute selbstverständlich. Speziell auch in der heimischen Tracht spielen kräftige Farben und Muster heutzutage eine große Rolle. Dem war jedoch nicht immer so, denn lange Zeit waren dies die Attribute eines Luxus, der einer kleinen privilegierten Oberschicht und dem Klerus vorbehalten war.



Indien und China stehen Pate


Mit rund 1000-jährigem technologischen Vorsprung in Sachen Knowhow, Motivvielfalt und Farbenpracht gelangten um 1630 die ersten handbemalten Baumwollstoffe („Indiennes“) aus indischen Manufakturen sowie handgemalte chinesische Papiertapeten in die Häfen von Marseille und Venedig. Dies war Initialzündung für einen profanen Form- und Farbenrausch, der die gesamteuropäische Musterkultur und Formensprache bis heute nachhaltig prägt.



Buntes Papier: Die leistbare Alternative zu Textil


Die „Cartiers-Feuilletiers-Maîtres Dominotiers" - Hersteller von Geschichten in Bildform - erhielten in Frankreich bereits um 1540 eigene Handwerksstatuten.

Er hat das Recht Marmorpapier und jedes andere Papier herzustellen, das auf verschiedene Weise mit Figuren bemalt ist, die die Menschen „Domino” nennen!

Dieses sogenannte „Dominopapier” wurde zunächst von Hand bemalt, später mit in Holz geschnittenen Matritzen (Hochdruck) ornamental bedruckt und von Hand koloriert. Unzählige Schmuckpapiere wurden gefertigt, die als Bucheinbandmaterial, Vorsatzpapier, Kaschierpapier für Hutschachteln oder zum Auskleiden von Schränken und Schubladen herangezogen wurden. Ebenso wurden Kaminwände, Dienstbotenzimmer, Ecken und Möbelinnenräume damit dekorieret. In der Buchherstellung wurden diese einfachen und preiswerten Papiereinbände wesentlich seltener verwendet als Kalbsleder, was zum Teil durch ihre Zerbrechlichkeit erklärt wird, aber auch dadurch, dass sie so wie viele andere populäre Produktionen über lange Zeit mangels Interesse einfach nicht für bewahrenswert gehalten und somit auch nicht gesammelt wurden.


Mit Papier kaschierte Hutschachtel / 1825

Original „Dominopapier” aus Orleans / 1780 und restaurierter Druckbogen von BLUT & BLUME / 2019

Vom „Ausschneidebogen” zur Tapete


Mitte des 18. Jahrhunderts zählten Orleans, Bologna und Augsburg zu den Zentren dieser neuen Handwerkskunst. Die lose, aber rapportfähig gestalteten Bildbögen, meist im Format von 32 x 42cm gedruckt, gelten als Vorläufer der Tapetenkunst, da sie ausgeschnitten und flächig verklebt wurden. Erst ab 1840 konnte nicht nur Bogenpapier maschinell verarbeitet werden, sondern auch Papier in Rollenform hergestellt werden, was die Geburtsstunde der Papiertapete wie wir sie heute kennen, einleutete. Diese neuen Walzendruckpapiere wurden nun sowohl im Hochdruck als auch im Tiefdruck als billige und leistbare Massenware produziert.

Walzendruckmaschine für Tapeten um 1850 / Tapetenmuseum Rixheim Foto: @BLUT & BLUME / Hoffmann 2016

Rapport einer klassischen Dominotapete aus losen Einzeldrucken. ©BLUT & BLUME 2022


Tapete und Bild von BLUT & BLUME 2022


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